Die einfache Lösung
Eines Tages kommt Gott in die Küche. Adam und Eva sind gerade dabei Mittagessen zu kochen. „Doch“, sagt Eva und hackt einer Möhre das Grüne ab, „Sintflut und gut! Die scheinen es ja nicht anders zu raffen!“ Adam guckt sie erstaunt an und lässt fast den Topf fallen, den er gerade aus dem Schrank geholt hat. „Das kann doch nicht dein Ernst sein! Es leben über 8 Milliarden Menschen auf der Erde. Die kannst du doch nicht einfach alle absaufen lassen!“ „Wieso? Das machen die doch schon gegenseitig! In den letzten zehn Jahren sind fast 30.000 Menschen bei einem Fluchtversuch, allein im Mittelmeer ertrunken“, entgegnet Eva und hackt weiter auf die Möhre ein.
Sie nimmt sich eine weitere, um auch diese in mikroskopisch kleine Stücke zu zerteilen. „Die Menschen sind so dämlich! Sie töten sich gegenseitig und was an Dummheit quasi gar nicht zu übertreffen ist, sie zerstören auch noch ihre Lebensgrundlage, die Erde.“ „Ja, aber das ist doch noch lange kein Grund alle einfach zu ertränken!“, sagt Adam und macht sich daran die Zwiebeln zu schälen.
Gott hat sich in der Zwischenzeit an den Küchentisch gesetzt und beobachtet mit einer Tasse Tee in den Händen das Geschehen. Eva nimmt Adam die geschälten Zwiebeln ab, lässt das Messer niedersausen und sagt: „Es sollen ja auch gar nicht alle bei der Sintflut draufgehen, nur die Bösen!“ „Ach, und wer sind die Bösen?“, fragt Adam und bringt seine Finger in letzter Sekunde in Sicherheit. „Na, die Bösen halt! Despoten, Nazis, Mörderinnen, Verbrecherinnen und alle, die der Natur schaden!“ „Ok, also auf Nazis und Despoten könnte ich mich ja einlassen, aber alles andere ist ja oft eher Definitionssache und hängt von der Rechtsprechung und persönlichen Möglichkeiten ab“, antwortet Adam.
Eva hält kurz inne und zieht eine Augenbraue hoch: „Seit wann kennst du dich denn mit Rechtsprechung auf der Erde aus?“ „Nun ja, ich höre echt viel Podcasts und habe diverse
Nachrichtenportale in meinem Feed“, sagt Adam fast etwas beleidigt, während er mit einer Hand die Nudeln wiegt. „In vielen Ländern ist Homosexualität verboten. Menschen, die homosexuelle
Handlungen vollziehen, gelten dort als Straftäter*innen! Meinst du, die sollen auch bestraft werden?“ Eva reist schockiert die Augen auf: „Nein, natürlich nicht!“ „Und was ist mit den Leuten, die es sich nicht leisten können, im Biosupermarkt einzukaufen? Was ist mit denen?“ hakt Adam weiter nach. „Nein, die natürlich auch nicht!“ Eva schüttelt den Kopf und legt das Messer beiseite.
„Ich sag ja nur, dass ich finde, es müsste mal was passieren, damit die Menschen aufwachen und das hat damals ja ganz gut funktioniert, oder?“ fragt Eva und wendet sich in Richtung Gott.
Gott räuspert sich: „Ja, hat es! Allerdings habe ich damals auch versprochen, nie wieder die ganze Menschheit zu bestrafen.
Ich habe meinen Regenbogen als Zeichen der Hoffnung und als mein Versprechen an den Himmel gesetzt. Und ich halte mich an meine Versprechen!“ Eva lässt resigniert die Schultern sinken: „Und das ist auch gut so, aber sie machen alles kaputt!“ Gott nickt bedächtig: „Und dafür sind sie auch selbst verantwortlich. Ich werde immer da sein, um den Menschen Halt und Schutz zu geben, aber ich habe ihnen das Leben und die Erde geschenkt und mit Geschenken kann man umgehen, wie man will. Wenn man ein Geschenk ernst meint, dann fordert man es nicht zurück, weil einem nicht gefällt, wie damit umgegangen wird. Wenn sie zu mir kommen, dann bin ich für sie da.“
Eva dreht sich zu Adam: „Du hast ja recht, so eine pauschale Lösung gibt es nicht! Es ist immer unfair. Menschen sind so kompliziert!“ Gott steht auf und schnappt sich das Zwiebelbrett um weiter zu schneiden. „Ja, die einfachen Lösungen habe ich mit der Schöpfung des Menschen und das ich ihm einen freien Willen gegeben habe, leider unmöglich gemacht!“
„Ach Gott, pass doch auf! Das Nudelwasser kocht über!“ Adam springt vor und zieht den Topf vom Herd. Eva nimmt einen Lappen und wischt die Spritzer weg, die das kochende Wasser schon auf dem Herd hinterlassen hat und sagt: „Na dann können wir nur hoffen, dass auch auf der Erde jemand rechtzeitig den Topf von der heißen Platte zieht.“
Ann-Marie Reimann
