Meine Feinde lieben
Es gibt Stimmen in meinem Leben, die rufen so Sätze wie: „Das kannst du nicht!“, „Dafür bist du zu blöd!“ oder „Verschwinde, du bist hier falsch!“ Starke Stimmen, die manchmal Anderen gehören, die mich klein machen wollen. Und sie schaffen es, mir echt weh zu tun. Vielleicht sind das wirklich meine „Feinde“, die mir das Leben schwer machen – so sehr, dass mir die Worte fehlen, um mit anderen darüber zu reden.
Diese Stimmen verscheuchen alle Farben aus meiner Welt und lassen ein graues Häufchen „Ich“ zurück. Allein mit mir und meiner dunklen Welt. Der Feind, mein Gegenüber.
Manchmal gehören diese Stimmen aber niemand anderem, dem ich das Etikett „Feind“ geben könnte. Manchmal gehören die Stimmen mir selbst, durchdröhnen mein Inneres, verdrängen alle Farben aus meiner Seele und lassen ein graues Häufchen „Ich“ zurück. Allein mit mir und meiner dunklen
Gedankenwelt. Der Feind in mir. Ich hasse diese Stimmen. Sie machen mich kaputt. Ich wünschte, sie wären nicht da. Es gibt Tage, da komme ich mit ihnen zurecht. Dann kann ich sie beiseiteschieben,
ignorieren, mit Verachtung strafen. Doch es gibt auch Tage, da gelingt mir das nicht. Da gewinnen sie
Macht über mich, machen mir das Leben schwer. Mal handfest, durch böse Worte oder Taten. Und mal durch dunkle Gedanken, die dafür sorgen, dass ich mich selbst nicht mehr leiden kann.
Allein komme ich da nur schwer wieder raus. Dann wünsche ich mir einen starken Freund an meiner Seite. So einer, wie Jesus es für seine Jünger*innen war. Jemand, der sich vor mich stellt und die feindlichen Stimmen verstummen lässt. Der mein Leben wieder bunt macht. Und dann steht da dieser
Bibelvers: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen“, sagt Jesus (Lukas 6,27-28).
Ich bleibe sprachlos zurück. Das kann ich nicht. Das will ich nicht! Das will ich diesem Jesus am liebsten auch direkt ins Gesicht sagen. Wie kann er so etwas von mir fordern? Was glaubt er, wer er ist?! Ich schnaufe durch. Einatmen, Ausatmen. Was glaube ich eigentlich, wer er ist, dieser Jesus?
Die Sache mit dem Kreuz fällt mir ein. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Das hat er gebetet, während er am Kreuz hing. Gemeint hat er alle, die ihn dorthin gebracht haben, die ihn tot sehen wollten. Mehr „Feind“ geht wohl nicht. Ich muss zugeben: Das fasziniert mich. Wer das kann, bekommt ein Stück Freiheit zurück im Angesicht seiner Feinde. Hass ist dann nicht mehr die einzige Möglichkeit, seinen Feinden zu begegnen. Hass macht hässlich. Gut, wenn es eine Alternative gibt. Wenn ich mich dazu durchringen kann, auch den Menschen Gutes zu wünschen, dir mir das Leben schwermachen. Oder wenn ich auch die Stimmen in mir wertschätzen kann, die ich am liebsten verstecken oder verstummen
lassen würde.
Es bleibt dabei: Das kann ich nicht einfach so. Oft will ich es auch nicht. Aber Jesus hat diese Möglichkeit in die Welt gebracht. Und er kann mir helfen, diesen Weg auszuprobieren. Vorsichtig, tastend, mit ihm an meiner Seite. Das möchte ich versuchen, trotz aller Zweifel. Ich bin gespannt, wohin dieser
Weg uns führen wird.
Markus Steuer
