Dein Name
Anmerkung: Diese Geschichte kann auch als Fantasiereise gestaltet werden.
Du schaust auf die Einladungskarte in deiner Hand. Stilvoll und schlicht. Nichts Besonderes. Dein Blick geht erneut zum Gebäude vor dir. Die Adresse stimmt. Aber „Gebäude“, das ist nicht ganz das richtige Wort. Schloss trifft es eher. Oder Palast. Noch ein Blick auf die Einladung. Die Adresse stimmt immer
noch. Hier bist du richtig. Mit offenem Mund trittst du näher. Du bewunderst die goldverzierte Fassade. Du gehst durch den säulengerahmten Eingang, hinein in dieses architektonische Meisterwerk. Ehrfurcht macht sich in dir breit. Und eine Frage: Was sollst du hier?
Eine Lesung hatten sie angekündigt. In der Einladung, die in einem schlichten Briefumschlag zu dir gekommen war. Recyclingpapier. 95-Cent-Briefmarke. „Ich würde mich freuen, wenn du zu meiner Lesung kommst.“ Nun stehst du hier, mit der 95-Cent-Einladung in der Hand und fühlst dich etwas fehl
am Platz. Du bist nicht die einzige Person, die gekommen ist. Viele sind da, sehr viele. Und vor allem: sehr prominente Menschen. Würdevoll schreiten sie in ihrer festlichen Kleidung dem großen Saal entgegen und du lässt dich von ihnen mitziehen. Schließlich wirst du in den Saal gespült, nimmst schnell
Platz in der letzten Reihe und wartest. Was sollst du hier? Du gehörst hier nicht hin, zu all diesen großen und wichtigen Persönlichkeiten. Angela Merkel kannst du entdecken und Mahatma Gandhi. Dietrich Bonhoeffer und Rosa Parks. Eine Tür öffnet sich. Sofort verebbt die Smalltalk-Geräuschkulisse und alle
schauen nach vorn. Eine elegante Dame erscheint, ein großes Buch unterm Arm. Beifall brandet auf. Sie lächelt. Ein schönes Lächeln. Vorne steht ein einfacher Tisch und ein Glas Wasser. Tatsächlich: eine Lesung.
Sie setzt sich. Gespannte Stille. Sie sagt ein paar Worte. Wie schön es ist, dass alle gekommen sind. Wie wichtig ihr dieser Moment ist. Etwas in der Art. Es sind die richtigen Worte für diesen Raum. Aber so richtig zuhören kannst du nicht, zu sehr bist du von dieser Frau fasziniert. Du hast sie noch nie
gesehen und doch ist sie dir seltsam vertraut. Besonders ihr Lächeln. Dann: ein Räuspern. „In diesem Buch steckt alles, was mir am Herzen liegt. Alles, was mich ausmacht. Alles, was ich bin.“ Tiefe Stille im Saal. Sie schlägt das Buch auf. Du hältst den Atem an. Wie deine Sitznachbarin. Und alle anderen. Sie beginnt zu lesen. Und sie nennt: deinen Namen. In Lukas 10,20 sagt Jesus: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Markus Steuer
