Du siehst mich
Eine Erzählung: Ich weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, wie es ist, 38 Jahre lang nicht laufen zu können. Ich konnte nicht zur Arbeit gehen, nicht tanzen, nicht rennen, nicht einmal allein zum Brunnen gehen. Jeden Tag war ich auf Hilfe angewiesen – aber meistens war ich allein.
Seit vielen Jahren lag ich an einem besonderen Ort in Jerusalem, an einem Teich. Die Leute sagen, dass ein Engel manchmal kommt und das Wasser bewegt. Wenn das passiert, muss man ganz schnell hineinspringen – der Erste, der im Wasser ist, wird gesund. Ich lag dort auf meiner Matte, Tag für Tag, Woche für Woche. Mit mir lagen dort viele andere Kranke. Ich beobachtete das Wasser und hoffte. Aber ich war nie schnell genug. Immer war jemand anderes vor mir da. Und ich hatte niemanden, der mir half. Keinen Freund, keine Familie, die mich ins Wasser tragen konnte. Manchmal fühlte ich mich so vergessen.
An einem Tag, der so begann wie jeder andere, kam ein Mann auf mich zu. Ich wusste nicht, wer er war. Er sah mich an – aber nicht so wie die anderen, die schnell wieder wegsahen. Nein, er schaute mich wirklich an. Er fragte mich: „Willst du gesund werden?“ Ich konnte kaum glauben, dass er das fragte. Natürlich wollte ich gesund werden! Aber ich antwortete nur: „Herr, ich habe niemanden, der mir hilft. Wenn sich das Wasser bewegt, ist immer jemand schneller.“ Was er dann sagte, werde ich niemals vergessen: „Steh auf, nimm deine Matte und geh!“ Ich dachte erst, ich hätte mich verhört. Wie sollte ich aufstehen? Meine Beine… sie hatten doch seit Jahrzehnten
nicht funktioniert! Aber plötzlich… fühlte ich etwas. Kraft. Wärme. Hoffnung. Ich versuchte aufzustehen – und es ging! Meine Beine trugen mich! Ich konnte stehen! Ich konnte gehen! Ich
nahm meine Matte, so wie er es gesagt hatte, und lief los. Ich konnte es kaum glauben – nach all den Jahren war ich endlich gesund!
Doch dann kamen ein paar Männer und sagten streng: „Heute ist Sabbat! Du darfst deine Matte nicht tragen!“ Ich war völlig verwirrt. Ich war doch gerade geheilt worden! Also antwortete
ich nur: „Der Mann, der mich gesund gemacht hat, hat es mir gesagt.“ Sie wollten wissen, wer dieser Mann war.
Aber… ich wusste es nicht. Er war verschwunden in der Menge. So viele Leute waren da, und plötzlich war er weg. Doch tief in meinem Herzen wusste ich: Dieser Mann war kein gewöhnlicher
Mensch. Er hatte mich gesehen, als mich niemand sah. Er hat mir geholfen, als ich schon fast aufgegeben hatte. Und das werde ich nie vergessen.
38 Jahre konnte der Mann nicht gehen. Niemand half ihm, und keiner achtete mehr auf ihn. Aber Jesus hat ihn gesehen. Er ist nicht vorbeigegangen. Er hat nicht weggeschaut, wie es so viele andere taten. Er hat angehalten, ihn angesprochen und gefragt: „Willst du gesund werden?“ Wie schön muss das gewesen sein, endlich wahrgenommen zu werden. Nicht übersehen, nicht vergessen, sondern gesehen und geliebt zu werden.
Gebet
Jesus, manchmal fühle auch ich mich klein, schwach oder
allein. Manchmal tut mir etwas weh, mein Körper oder mein
Herz. Manchmal habe ich Sorgen oder Angst. Dann erinnere
ich mich daran, dass du da bist und dass du mich liebst, so wie
ich bin. Danke, dass du mich nie vergisst. Du bist stärker als
alle Probleme. Du bist das Licht, auch wenn es um mich dunkel
ist. Schicke uns gute Gedanken und Menschen, die uns begegnen,
wie du dem Mann begegnet bist. Segne unsere Familien,
Freunde, alle, die wir liebhaben. Besonders die Traurigen
und Kranken. Behüte uns und lege deine Hand auf uns.
Amen
Julius Siska und Jonas Neumann
