Am Tisch des Zimmermanns
Immer wenn es Abend wird, ist der Tisch in unserer Küche zu klein. Brot, Wurst, Käse, Tomaten, Butter, Wasser, all das braucht eben viel Platz. Aber auch die acht hungrigen Familienmitglieder fordern ihren Platz. Oft gibt es ein kleines Gerangel: Da sitze ich heute! Nein, das ist mein Platz! – Vater ruft aus dem Flur: Hört auf zu streiten. Setzt euch jetzt und vertragt euch wieder! Dann kommt er rein. In der Hand ein großes Brett, dass er selbst getischlert hat. Eine Verlängerung
für den Tisch. Er ist eben Handwerker! Los, hebt mal mit an, bestimmt Vater. Schließlich ist alles bereit. Der Tisch vergrößert, weitere Plätze eingedeckt. Alle haben Platz. Dann wird gesungen. Ein Tischlied. Und endlich geht es los. Vater reicht den Korb mit Brot herum. Schnell ist der Raum gefüllt mit Gesprächen und dem Klappern von Besteck und Schüsseln.
Jeder erzählt, was ihm oder ihr gerade in den Sinn kommt. Mutter erzählt von Oma. Das tut sie oft, seit Oma im vergangenen Herbst gestorben ist. In den Geschichten ist sie lebendig. Irgendwie ist es, als wenn sie selbst noch mit am Tisch sitzt. Und dann sind da ja noch die großen Geschwister, die gerade im Studium sind und nicht hier sein können. Wenn die auch noch da wären, dann wäre es wirklich eng in der Küche. Wie ich Vater kenne, wäre das für ihn trotzdem
kein Problem. Er würde einfach anbauen. Am Tisch des Zimmermanns ist für jeden Platz. Oder, um es mit einem Vers aus dem Lukasevangelium zu sagen: „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lukas
13,29)
Klaas Grensemann
